Deutschland hat zu viele Ressourcen!
Was ist an dem Satz komisch? Genau, man hört ihn nie. Wohl kaum ein Land würde sich darüber beklagen, zu viele Ressourcen zu haben, mal abgesehen von der Gefahr, wegen des Besitzes von Ölfeldern mit Kriegen überzogen zu werden.
Arbeitslose sind aber auch eine Ressource - Millionen von Menschen, deren Arbeitskraft und Energie Tag für Tag vergeudet wird. Warum klagt “man” in Deutschland also über die hohe Arbeitslosigkeit? Eigentlich ist das absurd, eben so absurd wie zu sagen “Deutschland hat zu viele Ölvorkommen”. Gleichzeitig bibbern wir in Angst vor der Masse der Arbeiter in China - dort scheint es also kein Problem zu sein, sondern tatsächlich eine Ressource?
Gibt es wirklich nicht genug Arbeit? Die essentiellen Grundbedürfnisse der Menschen scheinen einigermassen abgedeckt zu sein, Nahrung, medizinische Versorgung, Dach über dem Kopf. Aber ansonsten gibt es doch sicherlich noch alles Mögliche zu verbessern. Einfache Beispiele sind Renovierung von Gebäuden, Verbesserung von Infrastruktur, usw.
Nachdem Ressourcen in ausreichendem Masse vorhanden zu sein scheinen (Versorgung der Menschen gesichert), und die Menge der Probleme im Prinzip unendlich ist, gehe ich davon aus, dass es sich hauptsächlich um ein Problem der Ressourcenallokation handelt. Es gäbe eigentlich Arbeit, die betroffenen wissen aber nichts davon: ein potentieller Auftraggeber X ahnt nicht, dass er von der Engagierung eines bestimmten Arbeitslosen Y profitieren könnte, und umgekehrt, und so bleiben beide Ärmer. X erhält nicht die Leistung die er braucht, und Y erhält nicht den Lohn, den er braucht.
Mal ein blödes Beispiel: mich nervt einkaufen und kochen. Würde/könnte ich jemanden dafür bezahlen, dies für mich zu übernehmen, würde es uns beiden besser gehen.
Sicher gibt es einige Faktoren, die das Ganze verkomplizieren, aber ich denke es lohnt sich, das Problem mal auf diese Weise zu betrachten.
Wir wollen gar keine Arbeit
Wollen wir wirklich mehr Arbeit? Ich bezweifele das doch mal stark. Was wir wirklich wollen ist doch Geld und Wohlstand, und Arbeit ist nur das Mittel dazu, dies zu erreichen. Somit geht in der Arbeitslosendebatte schon mal etwas Grundsätzliches schief: wir sollten nicht darüber diskutieren, dass es (angeblich) zu wenige Arbeitsplätze gibt, sondern uns um die Lebensqualität der Menschen sorgen. So gesehen finde ich z.B. die regelmässig wiederkehrende Behauptung absurd, “die Deutschen müssten wieder mehr Arbeiten, um ihren Wohlstand zu erhalten” (Beispiel zufällig ergoogelter Link zu dem Thema). Wohlstand bedeutet doch gerade, NICHT so viel Arbeiten zu müssen. Übersetzt bedeutet die Aussage also in etwa “die Deutschen müssen wieder weniger verdienen, um mehr zu verdienen” - häh? Ich hoffe wir sind uns einig, dass dies völliger Schwachsinn ist.
Nun muss ich meine Grundaussage revidieren: in gewisser Weise wollen wir schon Arbeit, zumindest viele Menschen wollen das Gefühl, etwas Sinnvolles in ihrem Leben zu tun. Es gibt sogar Studien, denen zufolge Menschen ohne Arbeit sehr schnell abbauen und im Schnitt auch früher sterben. Ich selbst wünsche mir eigentlich fast nichts als zu Arbeiten - aber eben etwas, was ich sinnvoll finde und FREIWILLIG tue. Bei den üblichen Auftragsarbeiten mit denen ich mein Geld verdiene ist dieses Gefühl aber nicht in grösserem Masse gegeben, und ich bezweifele auch, dass die Mehrzahl der Arbeiter ihren Job so empfinden (Fliessbandarbeit in der Fabrik?). Ausserdem ist dies denke ich ein Bedürfnis, das bei der Bedürfnispyramide weit oben rangiert, soll heissen, es gibt wichtigere Probleme als das “Bedürfnis nach Arbeit” zu befriedigen.
Ich bleibe also insgesamt bei der Behauptung, dass Menschen nicht arbeiten müssen wollen, d.h. nicht mehr Arbeit wollen. Andererseits denke ich, dass es genügend freiwillige Beschäftigungen geben müsste, mit denen Menschen ihre Zeit herumkriegen können (z.B. Socken Stricken für die Enkelkinder).
Was ich nicht verstehe
Heute habe ich mal wieder den Fehler begangen, das Volksverhetzungsmagazin Spiegel Online zu lesen. Dort wurde ein tragischer Fall geschildert: Hartz IV, ein Drama in vier Akten. Eine Schülerin ersucht um eine Sondergenehmigung um Hartz IV zu erhalten, obwohl die Familie noch 7000€ an Ersparnissen besitzt (laut Hartz IV-Regelung wären diese erstmal auszugeben, bevor Bezugsrecht entsteht). Diese waren nämlich zur Finanzierung ihres Studiums gedacht. Es endet damit, dass ihr herzkranker, alter Vater gegen Rat der Ärzte einen Leiharbeiterjob für 7€ die Stunde annimmt, für den er zu allem Überfluss auch noch 60km täglich fahren muss.
Und das Verstehe ich eben nicht und frage hiermit in das Internet, ob ich naiv, zynisch oder gemein bin, wenn ich diese Handlungsweise einfach dumm finde. Ein wenig Mathematik: 20*8*7= 1120€ geschätzter Lohn für den Vater. Davon abzuziehen sind die Fahrkosten und vermutlich auch noch Steuern. Der Unterschied zu Hartz IV dürfte Minimal sein. Laut Sozialleistungen.info beträgt der Beitragssatz 347€+311€ für die Partnerin. Mit dem Kind ist nicht ganz klar, aber irgendwas wird sie ja auch bekommen (evtl. zählt sie nicht mehr als Kind, sondern kann eigenständig Hartz IV beantragen?). 658€ klingt nicht nach viel, aber zusätzlich wird ja auch die Miete der Wohnung übernommen, Krankenkasse wird bezahlt, und sogar 40€ monatlich in die Rentenkasse eingezahlt. Bei mir sind alleine Miete+gesetzliche Krankenkasse schon knapp über 1000€ im Monat, und das ist nur eine 30m² Wohnung. Laut Sozialleistungen.info stünde einer 3-köpfigen Familie eine 75m² Wohnung zu. Ich werde mich also nicht grob verschätzen, wenn ich Behaupte, dass der erhaltene Gegenwert von Hartz IV deutlich über dem Gewinn aus dem 7€/Stunde Job liegt. Jedenfalls kann man mit 11€ pro Tag schon überleben, würde ich sagen.
Mag ja sein, dass jemand trotzdem aus Stolz beschliesst, lieber zu Arbeiten, als dem Staat auf der Tasche zu liegen. Finde ich auch nicht grundsätzlich falsch, aber: nach 3 Herzoperationen gegen entschiedenen Rat der Ärzte so einen Job zu machen, finde ich einfach dumm. Dieser Mann setzt für effektiv 2€ pro Stunde sein Leben aufs Spiel (16€ am Tag). Und das verstehe ich eben nicht. Ja, die 7000€ sind auch noch zu berücksichtigen, aber mal ehrlich: für 7000€ würde ich mein Leben auch nicht riskieren.
Das Studium und die Zukunft der Tochter stehen wohl scheinbar auf dem Spiel. 7000€ sind da aber sowieso nur ein Tropfen auf den heissen Stein, eher wären wohl 70000€ Anzusetzen. Die Tochter wird also sowieso jobben müssen, falls sie kein Bafög bekommen sollte (aus welchem Grund auch immer???). Offensichtlich ist die Tochter nicht dumm, immerhin hat sie es auf Spiegel Online geschafft. Wenn sie den Artikel sogar selber geschrieben hat, kann ich nur sagen: Respekt. Ich würde mir keine übertrieben grossen Sorgen um ihre Zukunft machen. Bei ihrem Talent findet sie sicher einen Studentenjob, der mehr als 7€/Stunde abwirft, und das Studium sollte machbar sein.
Ist es gerecht, dass andere Studenten reiche Eltern haben, nicht neben dem Studium arbeiten müssen und daher potentiell schneller fertig werden? Ich finde man kann jedenfalls nicht pauschal sagen, dass es ungerecht ist. Manche Leute haben sich ihr Geld womöglich ehrlich verdient, und für ihre Kinder zu sorgen war dabei eine Motivation. Und ich bin nichtmal sicher, ob die reichen Kinder es wirklich so viel besser haben - ihr Leben verläuft eben einfach anders, aber die jobbenden Studenten sammeln durch die Jobs ja auch Erfahrungen, die wiederum wertvoll sein können. Es lässt sich nicht verallgemeinern, finde ich.
Vielleicht ist die Geschichte ja auch nur Erfunden, aber diese Leiharbeitergeschichten habe ich tatsächlich schon öfter gehört: viele Menschen nehmen Jobs an, für die sie vermutlich mehr an Benzingeld ausgeben, als sie überhaupt an Lohn erhalten. Verstehe ich nicht.
Sinn dieses Artikels
Ich selber habe wohl in gewisser Weise Glück gehabt. Zumindest momentan noch besteht eine grosse Nachfrage nach meinem Beruf, und ich musste noch nie jahrelang nach einem neuen Job suchen. Natürlich kann ich nicht sicher sein, dass dies immer so bleiben wird, aber wie auch immer: vielleicht bin ich einfach nur ignorant, was diese Jobsuchproblematik betrifft, und kann mir einfach nicht vorstellen, wie schlecht es den Menschen wirklich geht.
Es interessiert mich aber. Aus reinem Eigennutz möchte ich daher das Angebot machen, einem oder mehreren Arbeitslosen zu helfen, bzw. dies wenigstens zu versuchen
Konkret stelle ich mir vor, dieser Aufgabe mindestens einen Tag im Monat zu widmen, evtl. auch mehr.
Arbeitsloses Opfer gesucht
Was kann ich anbieten? Auf den ersten Blick eigentlich nichts passendes: ich bin kein grosser Netzwerker, ich habe keine Kontakte zu Personalern in grossen Firmen, ich bin kein Psychologe oder Coach. Mein Alltag besteht darin, an der Grenze zum Autismus vor einem Computerbildschirm zu hängen und meine sozialen Inkompetenzen möglichst geschickt zu kaschieren. Was ich aber mitbringen kann ist eben das Interesse. Ich stelle mir vor, mich mit dem “Opfer” zu treffen und zu versuchen, das Problem zu verstehen. Dazu könnte beispielsweise gehören zu recherchieren, was in dem jeweiligen Arbeitsgebiet erwartet wird, und wie der Kandidat dem am besten entsprechen könnte. Am interessantesten für mich wäre natürlich, mit technischen Lösungen helfen zu können, da dies eben mein Fachgebiet ist. Zwar bin ich auch kein Spezialist für Word, aber ein bisschen weiterhelfen könnte ich vielleicht. Besser wäre aber die Nutzung der neuen Medien, Blogs, Soziale Netzwerke, Jobrecherche und so weiter. Auch bei der Kosten/Nutzen-Rechnung kann ich evtl. helfen (wenn Fahrtkosten grösser Lohn, Job nicht annehmen!) Und vielleicht hilft ja auch einfach mal eine unabhängige Meinung. Mein Plan wäre auf jeden Fall, unorthodoxe Ansätze auszuprobieren.
Es wäre definitv ein Sprung ins kalte Wasser und einfach ein Experiment. Geeignete Kandidaten müssten von daher auch eine gewisse Aufgeschlossenheit mitbringen. Gleichzeitig möchte ich gewissermassen als AGB definieren, dass aus dem Angebot weder ein Versprechen noch eine Verpflichtung entsteht. D.h. es besteht kein Anspruch auf Leistungen meinerseits, umgekehrt aber auch nicht auf Leistungen des Kandidaten. Das Experiment kann also jederzeit von beiden Seiten abgebrochen werden. Desweiteren kann ich keine Verantwortung für Auswirkungen von Aktionen übernehmen, der Kandidat würde auf eigenes Risiko teilnehmen. Beispiel für Auswirkungen: Kandidat erhält Traumjob nicht und gibt mir die Schuld. Oder Kandidate bildet sich ein sein Ruf sei dauerhaft ruiniert wegen des Photos, das auf meinen Rat ins Xing-Profil eingepflegt wurde. Ist nicht, eigenes Risiko!
Desweiteren behalte ich mir die Nutzung aller Erkenntnisse vor, die für mich aus dem Experiment entstehen. Beispielsweise würde ich möglicherweise über die Erfahrungen bloggen, selbstverständlich in anonymisierter Form, sofern nicht anders vereinbart. Sollte ich Internetanwendungen programmieren, die die Arbeitssuche erleichtern, so gehören diese ausschliesslich mir (unabhängige Vereinbarungen zur Kooperation sind natürlich möglich). Umgekehrt entstehen für mich keine Ansprüche gegenüber dem Kandidaten - findet dieser etwa einen Job, steht mir keine Provision oder sonst etwas zu (freiwillige Spenden sind erlaubt).
So, nun fällt mir gerade nicht mehr ein. Ich bin gespannt, ob sich jemand meldet (Kontaktinformationen sind im Blog versteckt). Ach so - praktischerweise sollte das ganze wohl in München stattfinden, Leipzig ginge evtl. auch.
Edit: inzwischen ist mein Umzug nach Berlin beschlossene Sache, ab August 2008 könnte ich also Berliner Arbeitslose treffen.