Twitter

Dieser Artikel ruhte jetzt lange Zeit in meinem Entwürfe-Verzeichnis. Momentan hat meine Begeisterung für Twitter aufgrund der ständigen technischen Probleme etwas gelegt, aber mit halbem Ohr verfolge ich die Tweets weiterhin.. Aufgrund der langen Funkstille in meinem Blog wollte ich den Artikel aber doch mal “posten”… Ausserdem habe ich auch noch keine Alternative zu Twitter gefunden.

“Ich sitze gerade auf dem Klo” – so oder ähnlich habe ich mir die Konversationen auf Twitter immer vorgestellt. Das Konzept erschien mir einfach nur dämlich: man kann kurze Nachrichten (maximal 140 Zeichen) schreiben, die dann per Handy an alle Freunde und Bekannte die man hat weitergeleitet werden. Lange Zeit waren die Twitter-User für mich insgeheim “Twits” (Dummköpfe). Was soll man in 140 Zeichen schon intelligentes schreiben? Inzwischen habe ich gelernt, dass Twitter “Gezwitscher” heisst, immerhin eine schöne neue englische Vokabel für mich.

Langer Einleitung kurzer Sinn, den Twitter-Hype habe ich erstmal komplett verpasst. Inzwischen finde ich das ganze aber doch sehr interessant. Leider scheint der Dienst ausserhalb des Sillicon Valley immer noch relativ unbekannt, so dass bislang fast keiner meiner Freunde Twitter nutzt. Da es zusammen mit Freunden viel interessanter wird, soll dieser Artikel eine kleine Übersicht über Twitter sein, in der Hoffnung, doch noch den ein oder anderen Leser zu assimilieren.

Das Grundprinzip

Twitter funktioniert sehr einfach: man legt einen Account an, sucht sich Leute, denen man “folgen” (follow) will, und andere, die einem selber folgen. Von da an sehen alle Anhänger die man hat das was man schreibt (jeweils maximal 140 Zeichen), und man selber sieht alles was die Leute schreiben, denen man selber folgt, in einer einfachen chronologischen Liste. Dazu gibt es die Möglichkeit, private Nachrichten zu schicken und sich auf die Nachrichten anderer zu beziehen (dies wird durch das “@” vor dem Namen ausgedrückt, daher werden Twitter-Accounts meist in der Form @soundso geschrieben).

Im Gegensatz zu meinen Erwartungen spielt es sich aber nicht hauptsächlich über Handy und SMS ab. Man kann optional Nachrichten per SMS schreiben, und sich optional die Nachrichten der Leute denen man folgt per SMS schicken lassen. Häufiger wird aber ein externer Client für den Desktop benutzt (z.B. Twhirl oder Twitterific) oder einfach direkt die Webseite. Das ist meistens auch viel nützlicher, denn in den 140 Zeichen lassen sich auch Links unterbringen, so dass man viele interessante Webseiten über Twitter entdecken kann.

Anwendungsfälle

Mit dem einfachen Prinzip lässt sich erstaunlich viel Anfangen:

Was machen Freunde und Bekannte

In der heutigen Zeit sieht man manche Freunde viel zu selten. Ich habe festgestellt, dass selbst scheinbar triviale Nachrichten wie “Ich treffe mich in der Bar xyz” helfen können, seine Freunde nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Sehr nützlich ist das auch bei neuen Bekanntschaften etwa von Tagungen und Konferenzen, die man noch gar nicht so gut kennt, dass man ohne Twitter besonders intensiv in Kontakt geblieben wäre.

Theoretisch ginge das auch mit Blogs, aber der Vorteil von Twitter ist gerade die Kürze und das Informelle. Bei einem Blogartikel neigt man zu längeren Überlegen und herumfeilen und schreibt im Zweifelsfall eher nichts, während Twitter dazu einlädt, auch alltägliches zu schreiben. In 140 Zeichen kann man auch nicht so viel falsch machen.

Organisation von Gruppenunternehmungen

Den Fall hatte ich noch nicht, aber das Beispiel “Treffen in Bar xyz” zeigt auch, dass man sich per Twitter gut für den Abend verabreden könnte. Sehr nützlich ist es aber z.B. bei Konferenzen, wenn man schnell mitbekommen kann, welche Vorträge sich die anderen gerade anhören, oder ob sie gerade unterwegs zum Mittagessen sind.

Früher gab es bei Twitter das Feature “With Others”, klickte man auf diesen Button in einem Userprofil, sah man die Nachrichten aller Leute, denen dieser User folgte. Da für Konferenzen wie z.B. Barcamps eigene Twitter-Accounts angelegt werden, konnte man über diesen Account auf einen Blick sehen, was alle Teilnehmer der Konferenz gerade machen. Derzeit ist “With Others” deaktiviert, ich hoffe aber, dass Twitter die Funktion wieder aktivieren wird.

Werbung

Einige User haben so viele Anhänger, dass Twitter sich kommerziell zu lohnen scheint. Z.B. @TechCrunch oder @guykawasaki haben jeweils 5-Stellige Anhängerzahlen, so dass sie für jeden geposteten Link schnell sehr viel Traffic erzeugen können. Auch virales Marketing kann über Twitter funktionieren, wie etwas das Beispiel von Betacamper zeigt (irgendwo in der Mitte des langen Posts…).

Individualisierte Nachrichten

Theoretisch kann man sich mit Twitter einen individualisierten Nachrichtenstrom zusammenstellen. Allerdings sind die Bordmittel von Twitter dazu eventuell noch etwas zu einfach. Eventuell helfen Tools für Twitter weiter, oder es wird einen besseren Nachfolger von Twitter geben.

Bots

Dank der Twitter-API gibt es diverse Roboter, die Twitter-Services anbieten. In der einfachsten Form spiegeln diese einfach nur News-Feeds auf Twitter wieder, oder schicken täglich eine aufmunternde mail. Dazu kann ich als Beispiel meinen eigenen @Mondkalender-Bot aufführen, der täglich den Mondstand twittert. Weitere Beispiele finden sich im Twitter-Fan-Wiki.

Interessant sind auch die interaktiven Robotor: @timer schickt zum Beispiel Erinnerungen, @reviews sammelt Kurzbewertungen und veröffentlicht sie auf einer Webseite. Gerade Ideen wie letztere Begeistern mich, zugegebenermassen mangelt es aber derzeit noch an Teilnehmern.

Künstlerische Auswerwertung des Gezwitschers

Weitere netter Beispiele für Applikationen, die auf Twitter aufbauen: TwitterVision und Twistori.

News-Feeds

Viele Anwender nutzen Twitter schon als Ersatz für einen Feed-Reader (Feed-Reader sind ein Hilfsmittel, um Blogs zu abonnieren). Zum einen twittern viele Blogs von sich aus, sobald ein neuer Artikel im Blog geschrieben wurde (z.B. mithilfe des Dienstes “Twitterfeed”, der aber nur mässig funktioniert, oder gleich mithilfe von Plugins für die Blog-Engine), oder man konfiguriert sich einen Bot, der den Feed “retweetet”. Meine Lieblings-News-Seite Hacker News” wird gleich von mehreren Leuten auf Twitter gespiegelt, z.B. unter @newsycombinator.Ich vermute, dass hier auch eine grosse Zukunft von Twitter liegen wird. Vielleicht nicht Twitter selber, aber ein Nachfolger – jedenfalls ist das Konzept, News-Feeds auf diese Weise zu lesen, wirklich ziemlich praktisch. Bei Twitter kommt eben alles in einem Stream, während ich bei meinem Feed-Reader Sage jedes Blog einzeln anklicken muss, sobald es etwas neues gibt.

Gleichzeit sind die Twitter-Nachrichten auch wieder als News-Feed erhältlich. Ich denke, beim Filtern und weiterleiten von Feeds wird sich noch einiges tun, und viele Inspirationen dafür werden von Twitter stammen.

Freunde finden

Ein grosses Problem ist den Anfang bei Twitter zu finden. Ohne Zuhörer kommt man sich beim Twittern etwas verloren vor, und ohne Leuten denen man zuhört, wird man auch nur wenige Inspirationen über Twitter beziehen. Wie schon erwähnt hat sich bislang eigentlich keiner meiner engeren Freunde für Twitter entschieden, lediglich @schildbach (Andreas) Twittert inzwischen ab und zu. Nach wie vor würde ich mich freuen, wenn noch der ein oder andere dazustossen würde.

Von daher habe ich Anfangs verzweifelt versucht, wenigstens ein minimales Netzwerk zusammenzubekommen. Ein guter Anfang war das Barcamp Leipzig, auf dem sich von vorneherein Web-versierte Leute treffen, so dass viele von ihnen Twittern – schon alleine, um keinen Trend zu verpassen (war auch für mich der Grund, damit anzufangen). Desweiteren habe ich bei allen sozialen Netzwerken bei denen ich Mitglied bin meine Twitter-ID veröffentlicht (im wesentlichen Hacker News und Xing). Bei Xing gibt es auch mindestens eine Gruppe zu Twitter, über die ebenfalls ein paar Kontakte zustande kamen.

Eine weitere Möglichkeit, etwas “Traffic” abzuhören, sind bekannte Persönlichkeiten (vor allem aus der Internet-Startup-Szene), die regelmässig auf Twitter schreiben. Guy Kawasaki’s seltsamer neuer Webdienst twitter.alltop.com listet einige von ihnen auf, andere findet man nach und nach. Hier die Berühmtheiten denen ich folge oder folgte:

  • Guy Kawaski – ein ehemaliger Apple-Evangelist der jetzt Venturekapitalgeber und Autor mehrerer inspirierender Bücher über Startups ist (z.B. The Art of the Start oder Rules for Revolutionaries). Ich bin ein Fan von ihm, nachdem er mir persönlich auf eine Beschwerde-Email geantwortet hat. Auch bei direkten Tweets an ihn kann man auf eine Antwort hoffen. Leider musste ich seine Tweets aber “un-followen”, da es doch meistens Werbung für seine aktuellen Startups ist und zu viel wurde.
  • Veronica Belomt – Vermutlich eines der bekanntesten “Geek-Girls”. Bekannt wurde sie durch eine Web-Video-Show Namens “Daily Mahalo”, wohl am ehesten mit dem deutschen Ehrensenf zu vergleichen.
  • Tim O’Reilly – Der Herausgeber einer der bekanntesten Reihe von Computerbüchern. Bewegt sich anscheinend mitten im Geschehen des Internet-Fortschritts und schreibt immer wieder lesenswertes.

  • Robert Scoble – Wohl einer der fleissigsten Tech-Blogger überhaupt, überall dabei.
  • Dave Heinmeier Hanson (“DHH”) – Mitbegründer von 37signals und Erfinder von Ruby On Rails.
  • Blaine Cook – Soweit ich weiss der Erfinder von Twitter, damit zugleich einer der bekanntesten Rails-Entwickler.
  • MarsPhoenix – keine echte Person, sondern ein Beispiel für Marketing über Twitter: NASA berichtet über Neuigkeiten aus der Phönix-Marslander-Mission aus der Perspektive des Landers.
  • Jimbo Wales – Erfinder der Wikipedia
  • Leah Culver – Bekannt, da Sie eine der wenigen weiblichen Startup-Gründerinnen in der Web 2.0-Welt ist. Ihr Startup “Pownce” ist eine Konkurrenz zu Twitter.
  • Ze Frank – Internet Entertainer? Seitdem er 2001 durch ein Spassvideo überraschend zum Internet-Star wurde, scheint er so eine Art Entertainer zu sein, der immer wieder interessante Sachen macht.
  • Steven Levy – Journalist und Autor, viele seine Bücher sind Kult unter Hackern. Mich hat Artificial Life sehr beeindruckt, ein Bericht über die Geschichte und Fortschritte im Forschungsgebiet “Künstliches Leben”. Wer mich kennt weiss, dass ich immer schon in diesem Bereich arbeiten wollte, und dieses Buch war sicher ein grosser Faktor dabei. Auch Hackers: Heroes of the Computer Revolution ist sehr bekannt, ich habe es aber noch nicht gelesen (TODO).

Und so weiter

Es gäbe noch viel zu schreiben, aber mir geht die Zeit aus. Wichtig wäre wohl vor allem, mit welchen “Clients” man auf Twitter zugreifen kann, denn alleine über das Webinterface macht es nicht allzuviel Spass. Ich nutze in der Arbeit Twhirl, das auf Adobe Air aufsetzt. Für Linux habe ich das noch nicht ausprobiert, da Air bislang nur als Alpha-Version für Linux verfügbar war. Leider gibt es keinen wirklich empfehlenswerten Client für Linux, der mir bekannt wäre. Aus Zeitmangel muss ich auf das Twitter-Fan-Wiki verweisen, in dem die meisten Clients und auch sonstige Twitter-Anwendungen und Besonderheiten aufgelistet werden.

Fazit

Probiert es doch einfach mal eine Weile lang aus. Mich findet ihr bei Twitter unter @Fractality. See you on Twitter!

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