Da mein Blog noch recht neu und kaum bis gar nicht verlinkt ist, betrachte ich mich noch nicht wirklich als Teil der “Blogosphäre”. Trotzdem würde mich ärgern wenn es in ein paar Jahren hiesse “die Blogger haben ja auch zu Olympia geschwiegen”.
Eigentlich ist Olympia mir egal, daher fällt es mir leicht, zu einem Boykott dafür aufzurufen. Leistungssport an sich verstehe ich nicht: es kommt mir sehr egoistisch vor, lediglich an seiner eigenen Leistung herumzuschrauben. Andererseits inspiriert der Sport dann doch wieder Leute, lehrt sie, durchzuhalten und Grenzen zu überwinden – merkwürdig… Vielleicht ein anderes mal ein eigener Blogartikel dazu.
Dann weiter Olypmia an sich: seit längerem scheint doch klar zu sein, dass es bei Olympia nur noch um eines geht, und zwar Geld. Die ursprünglichen hehren Ideale, so es sie mal gab, werden durch die Veranstaltung nur verhöhnt. Und noch eine Meinung zum Leistungssport: es dopen doch sowieso alle, wo es nur geht. Es würde wieder interessant werden, wenn Dopen wenigstens offiziell erlaubt würde. Dann würde der Leistungssport auch weniger egoistisch werden, denn die Sportler würden sich als medizinische Versuchskaninchen zur Verfügung stellen, und von dem dadurch gewonnenen Wissen könnte auch der Rest der Menschheit profitieren.
Dopen ist aber nicht erlaubt, Fernseher habe ich auch keinen und ich will das alles gar nicht sehen. Also, wegen mir kann Olympia gerne ausfallen.
Nun zu China: keine Frage, dass ich Todesstrafe und Beschränkung der Meinungsfreiheit nicht gut heisse, ebensowenig die Unterdrückung von Völkern. Ich muss aber ehrlich zugeben, dass ich die genauen Hintergründe einfach nicht kenne. Aus China gelangen widersrpüchliche Nachrichten, mal von totaler Ausbeutung und Diktatur, dann wieder von Menschen, die ganz normal zu Leben scheinen, und auch sehr patriotisch eingestellt sind. Sicher gibt es vieles an China zu bemängeln, und bei Tibet fällt mir keine vernünftige Rechtfertigung der Besetzung ein (anscheinend hat Tibet militärstrategische Bedeutung für China, und es geht ums Prinzip – so viel habe ich bis jetzt dazu gefunden). Fragt sich nur widerum, inwieweit die einzelnen Bürger dafür etwas können. Vielleicht sollte man ihnen wenigstens die kurze Freude der olympischen Spiele gönnen, vielleicht verbessert sich durch die Spiele auch für viele arme Chinesen ein wenig ihr Lebensstandard (es gibt sicher sehr viele arme Chinesen). Andererseits wird es an der Macht des Regimes eventuell kaum etwas ändern, ob die Spiele stattfinden oder nicht. Ich bezweifele, dass die Bauern in China auf die Strasse gehen werden um die Regierung zu stürzen, weil sie die olypmischen Spiele vermasselt hat.
Rational finde ich die Entscheidung gar nicht so leicht, wobei ich mir gerade denke, papperlapapp, wenn hier Menschen verfolgt, unterdrückt und ermordert werden, kann das einfach nicht angehen. Von Staaten ist es vielleicht zu viel verlangt, auf so etwas radikal zu reagieren, sie müssen diplomatisch agieren, aber als einzelner kann man vielleicht doch sein Kaufverhalten ändern. Naja, obwohl, wiederum ist unklar, ob ein Boykott wirklich die richtigen Leute trifft. Es gibt ja genügend Beispiele für Länder, in denen die Diktatoren ihre Bevölkerung dann eben einfach Leiden liessen, wenn der Handel durch Boykott eingeschränkt wurde. Der Boykott gibt den Herrschern sogar noch eine Ausrede an die Hand – Schuld am Elend des Volkes sei nicht etwa die Staatspolitik, sondern der Boykott.
Möglicherweise funktioniert es ja auch umgekehrt: mit steigendem Wohlstand sinkt eventuell der “Bedarf nach Unterdrückung” in einem Land.
Trotzdem, für Olympia hätte es genügend andere Alternativen gegeben. Warum die Entscheidung auf China fiel, weiss ich nicht. Vielleicht gab es da wirklich die meisten Bestechungsgelder, vielleicht war es Beschwichtigungspolitik, weil alle Angst vor China haben (hat bei Olympia ja auch Tradition, siehe Olympia 1936 in Nazideutschland), vielleicht erhoffte man sich wirklich verbesserte Lebensumstände für die Masse der armen Chinesen, oder eine Abfärbung der Tugenden auf China (mein Tipp: GELD GELD GELD). Auf den ersten Blick sieht es nach einer Rechtfertigung des Regimes aus, andererseits wird jetzt ja wirklich durch Olympia verstärkt eine Diskussion über die Menschenrechte in China angestossen. Wobei dies auch mit den Ereignissen in Tibet zusammenhängt, wer weiss, wie es sonst verlaufen wäre.
Gefühlsmässig muss ich zugeben, dass ich die Gegendemonstrationen beim Fackellauf beeindruckend fand. Normalerweise halte ich nicht viel von Demonstrationen, sie dienen meiner Ansicht nach eher der eigenen psychologischen Beruhigung, als dass sie etwas erreichen würden, aber bei den Fackellöschungen dachte ich “wow”. Es berührt mich, wenn sich Menschen freiwillig für andere Einsetzen. Heute las ich auch von Olympia-Athleten, die die Eröffnungsfeiern boykottieren. Im ersten Moment dachte ich, sie sagen ihre ganze Teilnahme ab, und war wiederum beeindruckt, aber sie nehmen ja lediglich nicht an den Feiern teil. Etwas lauwarm, andererseits aber vielleicht ein gangbarer Kompromiss. Der Sport ist nunmal der Beruf dieser Athleten. Wollte man moralisch ganz konsequent sein, müssten wir wohl alle unser Leben stark umstellen. Wobei, wie erwähnt, sehr schwer einzuschätzen wäre, was wirklich der moralisch richtige Weg wäre. Boykott kann unter umständen mehr Schaden als nützen.